Brief an die deutschen Leser
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Fragen an den Autor

Fragen an den Autor

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Wollten Sie schon immer Autor werden?

Ja. Mein erstes „Buch“ habe ich mit elf Jahren geschrieben.

Wo finden Sie neue Ideen für Ihre Geschichten?

Das werde ich häufig gefragt. Um das zu beantworten, muss ich Ihnen erklären, worin in meinen Augen meine Aufgabe als Thriller-Autor besteht: meine Leser mit der denkbar spannendsten Geschichte zu unterhalten und sie auf eine aufregende Achterbahnfahrt zu schicken. Das heißt, dass ich zu Beginn eines Buches nicht so sehr in Zeitungen oder Illustrierten nach inspirierenden Ideen suche, sondern viel Zeit in einem dunklen Raum verbringe. Dort denke ich mir eine Storyline aus, die einer typischen Deaver-Geschichte entspricht: Eine Geschichte mit starken (wenn auch nicht fehlerfreien) Helden, hinterhältigen Bösewichten, in der alle paar Kapitel eine Deadline abläuft. Eine Geschichte, die sich in einem engen Zeitrahmen abspielt (innerhalb von acht bis achtundvierzig Stunden), viele überraschende Wendungen bietet und jede Menge Cliffhanger.

Man hat Sie als „psychologischen Thrillerautor“ bezeichnet. Halten Sie das für zutreffend?

In der Hinsicht, dass ich in meinen Büchern die Psychologie des Verbrechens und der Verbrechensaufklärung untersuche – das Denken des Verbrechers und derer, die ihn jagen. Außerdem bemühe ich mich sehr darum, Charaktere mit psychologischer Tiefe zu schaffen – sowohl auf Seiten der Helden als auch bei den Schurken. Mit anderen Worten: Die Figuren in meinen Büchern sind keine Karikaturen. Wir erhalten vielfach Einblick in ihr Denken. Natürlich gehören – wie in meiner Lincoln-Rhyme-Serie – auch eine Menge Forensik und Polizeiarbeit dazu, die nichts mit psychologischem Profiling zu tun haben.

Wie kam es zur Veröffentlichung Ihrer ersten Arbeiten?

Ich habe ein Highschool-Literaturmagazin herausgegeben und war Reporter bei einer Schulzeitung.

Fällt es Ihnen leicht zu schreiben? Überarbeiten Sie Ihre Bücher stark?

Ich würde nicht sagen, dass es mir leichtfällt, aber es macht mir sehr viel Spaß. Von daher habe ich Glück. Und ich überarbeite meine Bücher sehr stark. Mein Herausgeber bekommt das Manuskript erst zu sehen, wenn ich es mindestens zwanzig oder dreißig Mal überarbeitet habe (und damit meine ich wirklich gründliche Überarbeitungen).

Wo schreiben Sie am liebsten?

Ich schreibe eigentlich so gut wie überall – im Flugzeug, in Hotelzimmern, überall in meinem Haus (Manchmal herrscht in meinem Büro ein derartiges Chaos, dass ich in der Küche arbeite. Wenn die Küche voll ist, ziehe ich ins Schlafzimmer. Und so weiter. Ich wünschte, ich hätte ein größeres Haus.) Ich habe gern Ruhe beim Schreiben (manchmal höre ich aber dabei auch Jazz oder klassische Musik), und wenn der Raum fensterlos oder zumindest abgedunkelt ist. Wenn ich anfange, das eigentliche Buch zu schreiben, schalte ich das Licht aus, stelle mir die Szene vor, die ich schreiben will, schließe die Augen und fange an. Ja, ich kann blindtippen. Und ja, manchmal überspringen meine Finger versehentlich eine Taste und dann stehen dort am Ende ein oder zwei Absätze voller Hieroglyphen.

Welche Bücher über das Schreiben würden Sie empfehlen? Haben Sie selbst Unterricht genommen?

Nein, das habe ich nicht. Ich kann auch keine Bücher empfehlen. Um Schreiben zu lernen, studiert man am besten die Bücher der Autoren, die man bewundert.

Haben Sie schon einmal eine „Schreibblockade“ gehabt?

Ich behaupte immer, dass es so etwas wie eine Schreibblockade nicht gibt. Das Problem ist vielmehr eine „Ideenblockade“. Wenn man mit Sprache umgehen kann und die Grundtechniken des Schreibens beherrscht, kann man schreiben – man muss nur wissen, was man sagen will. Damit will ich die Sache keineswegs verharmlosen, denn herauszufinden, was man erzählen will, kann eine ziemlich beängstigende Aufgabe sein. Wenn ich nicht weiterkomme – sei es in einer kurzen Passage eines Romans oder beim Brainstormen über ein ganzes Buch –, liegt es meist daran, dass ich eine Idee in eine Passage oder in eine Geschichte hineinzwängen will, die dort nicht hineinpasst. Dann frage ich mich: Was will ich sagen? Wenn ich diese Frage nicht beantworten kann, oder wenn die Antwort nicht zur Verbesserung beiträgt, versuche ich es mit einem anderen Ansatz. Über ein Thema oder in einem Genre zu schreiben, in dem man sich nicht auskennt, ist die beste Methode, eine Schreibblockade zu bekommen.

Was ist der beste Ratschlag, den Ihnen jemand zum Schreiben gegeben hat und von wem kam er?

Mickey Spillane: „Die Leute lesen keine Bücher, um sie in der Mitte wegzulegen. Sie wollen sie bis zum Ende lesen.“

Was meinen Sie, warum die Forensik derzeit in der Unterhaltungsliteratur so beliebt ist?

Eine Tradition forensischer Wissenschaften in Kriminalromanen gibt es bei uns bereits seit Sherlock Holmes. Dass sie in letzter Zeit wieder so populär geworden ist, hat damit zu tun, dass die Technik heute auch bei der Polizei vorbehaltlos eingesetzt wird. Schließlich kann ein wahnsinniger Verbrecher die besten Psychologen und Lügendetektoren täuschen, aber gegen eine DNA-Analyse ist er machtlos.

Wie schaffen Sie es, dass der Plot und die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen?

Meine Bücher sind in erster Linie plotgetrieben, doch wenn die Leser die Charaktere nicht mögen, ist die beste Handlung wertlos. Darum bemühe ich mich sehr, die menschliche Seite meiner Charaktere herauszuarbeiten und dabei den Plot nicht zu vernachlässigen. Idealerweise gelingt es mir, die menschlichen Probleme mit der Kriminalgeschichte zu verweben. In einem Thriller muss selbst ein Subplot, in dem es um die Beziehungen zwischen den Charakteren geht, konfliktgeladen sein.

Wie viel von Ihren Geschichten stammt aus Ihrer eigenen Lebenserfahrung?

Gar nichts. Ich habe zwar als Anwalt gearbeitet, aber im Bereich Gesellschaftsrecht. Das bedeutet zwar, dass ich mehr recherchieren muss, aber das stört mich nicht. Ich glaube nicht, dass ich dazu fähig wäre, Verbrecher durch finstere Gassen zu jagen und an Tatorten durch Blut zu waten. Natürlich schöpfen alle Autoren aus ihrem persönlichen Leben, um den Alltag und die menschlichen Beziehungen ihrer Charaktere zu gestalten, aber normalerweise trenne ich meine persönlichen Erfahrungen von meinen Geschichten.

Wie groß ist der Anteil der Recherche an ihrer Arbeit? Und wie recherchieren Sie?

Ich brauche ungefähr acht Monate für die Recherche und ein erstes Exposé. Überwiegend recherchiere ich in Büchern, Publikationen und dem Internet. Natürlich führe ich auch Interviews mit Personen, die sich mit den jeweiligen Themen auskennen. Doch, wenn man das zu häufig macht, hat man am Ende meist zu viele Informationen. Zu viel zu recherchieren ist nicht verkehrt, problematisch wird es nur, wenn man versucht, alles im Buch unterzubringen. Die technischen Details müssen die Handlung voranbringen, sonst fliegen sie raus.

Forensische Details können ziemlich grausam sein. Wo ziehen Sie die Grenze, um Ihre Leser nicht zu vergraulen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich schreibe nun einmal Thriller und muss Gewalt und die Auswirkungen von Gewalt beschreiben. Leser (und Menschen überhaupt) sind von den Details fasziniert. Aber mir haben auch Leser gesagt, dass sie mich wegen der brutalen Szenen, zum Beispiel im Knochensammler, nicht mehr lesen würden. Andere Leser meinten, sie würden die „Rattenszene lieben“ (eine meiner grausamsten Szenen), und ich könnte ruhig mehr davon schreiben. Im Allgemeinen denke ich, dass weniger mehr ist. Wenn ein Leser mein Buch weglegt, weil es ihn ekelt, habe ich als Autor versagt.

Wie finden Sie die Schauplätze für Ihre Bücher?

Regel Nummer eins: Schreibe über Schauplätze, die dir vertraut sind. Wenn ich ein Buch außerhalb von New York ansiedele (wo ich zwanzig Jahre gelebt habe) oder von dort, wo ich heute lebe, recherchiere ich einige Wochen vor Ort. Ich versuche, etwas Lokalkolorit einfließen zu lassen und die Gegend zu beschreiben, ohne es jedoch zu übertreiben – zu viel Beschreibung lenkt von der eigentlichen Geschichte ab.

Sie haben als Anwalt gearbeitet. Was denken Sie, warum so viele Anwälte und Ärzte Schriftsteller werden?

Die einfache Antwort lautet, dass es viel mehr Spaß macht, Romane zu schreiben als sich mit Gesetzen zu befassen. Doch die Fähigkeit zur Analyse – die mit der linken Gehirnhälfte zusammenhängt –, die man zum Krimischreiben braucht, benötigt man meiner Ansicht nach auch als Anwalt oder Arzt. Für mich ist ein Thriller eine sorgfältig konstruierte Geschichte. Ich befasse mich erst acht Monate mit der Struktur und der Recherche, ehe ich auch nur ein einziges Wort schreibe. Die Fähigkeiten, die ich dazu nutze, sind dieselben, die ich in meinem Beruf als Anwalt genutzt habe, wenn ich für einen Schriftsatz oder einen Fall recherchiert und ein Konzept entwickelt habe.

Sie sind auch Folksänger gewesen. Wie ist es dazu gekommen?

Ach, es geht nichts über Musik. Sie ist verführerisch, sie fordert alles von einem, sie ist emotional und unendlich kreativ … Ich war Singer-Songwriter. Musikalisch war ich zwar nicht sehr begabt, aber das Songschreiben hat mich gereizt. Diese enge Struktur, die ebenso von der Form wie vom Inhalt bestimmt ist. (Es ist viel leichter, lange als kurze Texte zu schreiben). Ich bin in San Francisco und Chicago in Clubs aufgetreten und habe Musik unterrichtet. Aber das ist Jahre her, das mache ich heute nicht mehr. (Siehe Download Song „Your Shadow“)

Ihre ersten veröffentlichten Bücher waren Vodoo und Always A Thief. Können Sie uns etwas zu den beiden sagen?

Ja, die wurden von einem kleinen Verlag namens Paperjacks veröffentlicht, der schon seit einiger Zeit nicht mehr existiert. Die Bücher sind vergriffen und sollen auch nicht mehr neu aufgelegt werden. Aber es sind sicher noch einige gebrauchte Exemplare auf dem Markt. Vodoo war eine übernatürliche Geschichte, ein Genre, in dem ich heute nicht mehr schreiben möchte, und Always a Thief war eine Geschichte über einen Kunstdieb.

Wie hat Ihnen die Filmversion des Knochensammlers gefallen? Und waren Sie in die Entwicklung des Films involviert?

Der Film hat mir gut gefallen. Vielleicht hätte ich ein paar Dinge anders gemacht, aber ich bin Autor, kein Filmemacher. Das Inszenieren von Filmen ist eine äußerst schwierige Angelegenheit, die ich nicht für viel Geld und gute Worte tun wollte. Ich lasse die Filmemacher ihr Ding machen, und die lassen mich meins machen. Das ist eine wunderbare Beziehung. Und, nein, ich war nicht in die Entwicklung des Films involviert.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Kochen und Abendessen geben, manchmal auch sehr bizarre (zum Beispiel römische und mittelalterliche). Wenn man allein arbeitet, muss man irgendwann unter Leute kommen.

Bitte nennen Sie uns einige Ihrer Lieblingsbücher.

Der Herr der Ringe, J.R.R. Tolkien
Humboldts Vermächtnis, Saul Bellow
Wintermärchen, Mark Helprin
Die Abenteuer des Augie March, Saul Bellow
Amerikaner und andere Menschen, John Updike
Liebesgrüße aus Moskau, Ian Fleming
Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel Marquez
Collected Poems of Richard Wilbur
Der Schneider von Panama, John Le Carré
Das Schweigen der Lämmer, Thomas Harris
Fremder in einem fremden Land, Robert Heinlein
The Arms of Krupp, William Manchester
Der Hund von Baskerville, A. Conan Doyle
Collected Stories of John Cheever
Die Frau des französischen Leutnants, John Fowles
Gesammelte Gedichte, Robert Frost
Alle Doc-Savage-Romane, Kenneth Robeson
Wer die Nachtigall stört, Harper Lee
Musik für Chamäleons, Truman Capote
The Making of the President – 1960, Theodore White